Fliesen im Bad – warum sie plötzlich mein ganzes Wohnzimmer bestimmen

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Ich stehe in einem Rohbau und starre auf eine Wand aus handgeschlagenen Zementfliesen im Fischgrätmuster. Der Architekt neben mir erzählt etwas von Verlegefläche und Fugenbreite, aber ich denke nur an mein eigenes Bad zu Hause. Drei Quadratmeter, gefliest mit standardmäßigen 30x60 cm großformatigen Rechtecken in hellem Grau. Nichts daran ist schlecht, aber nichts daran ist besonders. Und genau dieses Besondere fehlt mir in meiner ganzen Wohnung. Denn wenn ich ehrlich bin – ich habe diesen Badtrip ausgelöst durch ein Problem, das viele Stadtbewohner kennen: Sechs Freunde wollen übers Wochenende kommen, und mein Zweizimmergrundriss hat genau null Quadratmeter Gästeraum.



Ich fing an, Fliesen zu sammeln wie andere Leute Briefmarken. Nicht nur fürs Bad. Ich merkte schnell, dass eine kleine Partie übrig gebliebener bathroom tiles das Zeug hat, ein ganzes Raumkonzept zu kippen. Ein Freund legte mir drei handtellergroße Sechsecke aus Terrazzo neben die Kaffeemaschine – als Untersetzer. Zwei Tage später montierte ich die restlichen vier an die Wand überm Schreibtisch, als schmales Regalbrettbrett. Der Effekt war verblüffend: Der Blick blieb hängen, die Gäste fragten nach, und ich hatte einen Look, der weder teuren Marmor noch billige Tapete kopierte. Alles, was ich brauchte, war ein Fliesenschneider für zwanzig Euro und etwas Flexkleber.



Das eigentliche Problem lag aber nicht an der Wand. Es lag am Schlafplatz. Mein Gästezimmer ist ein ausrangierter Abstellraum mit einem schmalen Bett. Drei Jahre lang stand dort ein einfaches Gestell aus Metall – unbequem, drückend und ohne Stauraum. Dann entdeckte ich ein Modell mit Klappmechanismus, einen klassischen sofa bed mit integriertem Bettkasten. Der Clou: Die Sitzfläche besteht aus einer durchgehenden Platte, auf die meine übrig gebliebenen bathroom tiles genau passen. Kein Scherz. Ich habe zehn Fliesen im Rautenmuster auf die Rückseite geschraubt, als Designauflage für den Tisch, der vor dem Sofa steht. Die Gäste staunen, und ich habe endlich eine Oberfläche, die heiße Tassen und Feuchtigkeit verträgt – genau wie im Bad.



Doch das reichte nicht. Der Stauraum für die zusätzlichen Decken und Kissen war immer noch ein Chaos. Also griff ich zu einer klassischen Lösung: einem Bett mit storage. Nicht das klobige Ungetüm von Oma, sondern ein modernes Lowboard auf vier Beinen mit Schubladenfront aus lackierter MDF. Drei Schubladen fassen sechs Kissenbezüge und zwei Wolldecken. Der Rahmen selbst hat einen Lattenrost aus massiver Buche, und darüber liegt eine 16 cm hohe Kaltschaummatratze – denn wer schonmal auf einem dünnen foam mattress auf blanken Latten geschlafen hat, kennt den Schmerz im Kreuz. Matratze und Bett sind getrennt beziehbar, was die Reinigung enorm erleichtert.



Die nächste Idee kam mir, als ich in einem Möbelladen einen Sessel mit Federkern sah – aber der war zu groß für meine Ecke. Also suchte ich gezielt nach einer pull-out sofa, also einem Sofa, das sich auszieht und flach klappt. Die meisten Modelle haben ein wackliges Gestänge. Ich fand eines mit einem stabilen click-clack mechanismus, bei dem die Rückenlehne nach hinten kippt und die nach vorn gleitet. Kein Räderwerk, keine losen Teile. Der Bezug ist ein samtiges velvet upholstery in Senfgelb – weich, aber strapazierfähig genug für die tägliche Nutzung. Und weil das Sofa direkt unter einem großen Fenster steht, habe ich die Wand dahinter mit einer einzigen Reihe meiner Lieblingsfliesen beklebt: dunkelblau glasiert, mit kleinen goldenen Sprenkeln. Alle denken, es sei eine Tapete. Keiner ahnt, dass es sich um bathroom tiles handelt.



Jetzt kommt der schwierigste Punkt: der Dauerbetrieb. Ein Sofa, das man täglich aus- und einklappt, nutzt sich schnell ab. Der lackierte Rahmen bekommt Kratzer, die Polsterung verliert an Spannkraft. Mir half ein Trick aus dem Möbelhandwerk: Ich legte zwischen den Klappmechanismus und die Matratze eine dünne Schicht aus Vliesfleece. Das verhindert Reibung, hält den Stoff sauber und verlängert die Lebensdauer um Jahre. Auch die Füße bekamen Filzgleiter aus dem Baumarkt – das quietscht nicht mehr und kratzt den Parkettboden nicht an. Und weil ich sowieso am Basteln war, habe ich gleich aus vier der übrigen Terrazzofliesen einen kleinen Tisch für die Ecke gebaut: zwei Fliesen als Platte, zwei als Beine, verklebt mit Silikon. Stabil, waschbar, und niemand muss mehr fragen, wo das Bierglas hinkommt.



Was ich gelernt habe: Fliesen sind nicht nur fürs Bad da. Sie sind ein Material wie Holz oder Metall – nur härter, kühler und unempfindlicher. Wer ein Sofa hat, das täglich ausgeklappt wird, sollte auf rutschfeste Unterlagen achten. Wer einen Bettkasten besitzt, sollte ihn mit Trennwänden aus Leisten unterteilen, sonst herrscht Chaos. Und wer wie ich aus Platznot eine pull-out sofa wählt, muss regelmäßig die Scharniere ölen und den Lattenrost nachspannen. Klingt nach Arbeit, ist es auch – aber es gibt mir das Gefühl, dass jeder Quadratmeter meiner Wohnung doppelt genutzt wird. Die Gäste schlafen gut, ich habe meinen Stauraum, und die Fliesen an der Wand erinnern mich jeden Morgen daran, dass ich aus einer Notlösung etwas Eigenes gemacht habe. Kein Standard. Kein Showroom. Einfach mein Flur, mein Bad, mein Wohnzimmer – und ein paar Nachtstunden auf einem selbst gebauten Bett mit storage, das jetzt nach Zement riecht.